Aus den USA kommend hat sich auch bei uns die Praxis verbreitet, Hunde, die nicht der Zucht dienen sollen, vor oder bei Erreichen des Erwachsenenalters zu kastrieren. Als Gründe werden angeführt:

  • Die nachhaltige Lösung oder Vorbeugung von Verhaltensproblemen, v.a. „aggressives“ und „dominantes“ Verhalten bei Rüden und „zickiges“ Verhalten bei Hündinnen.
  • Das Vorbeugen von Krankheiten wie Prostatakrebs bei Rüden bzw. Entzündungen von Gebärmutter und Eierstöcken bei weiblichen Tieren
  • Verhinderung der Fortpflanzung
  • Verhinderung der zweimal im Jahr auftretenden „lästigen“ Läufigkeit bei Hündinnen

Dabei wird von den Befürwortern der vorbeugenden Kastration immer argumentiert, dass man Hunde nicht vermenschlichen soll, sie leben im Hier und Jetzt und folgen dabei einfach ihren Instinkten. Ist durch die Kastration der Paarungswunsch verschwunden, sind sie genauso glücklich wie vorher, die Rivalitäten fallen weg, wodurch sie und ihre Menschen ein entspannteres Leben führen können.

Richtig dabei ist, dass es unseren Hunden völlig egal ist, ob sie Nachkommen zeugen können oder nicht, sie folgen dabei tatsächlich nur ihrem Paarungswunsch, der wiederum von den Geschlechtshormonen gesteuert wird. Völlig unrichtig ist, dass eine Kastration nur gesundheitliche Vorteile bringt und sich nur positiv auf das (gewünschte) Verhalten auswirkt.

Die Geschlechtshormone Testosteron (Androgen) beim Rüden bzw. Östrogen und Gestagen bei den Hündinnen steuern ja nicht nur die Fortpflanzung sondern haben auch andere wichtige Aufgaben.

  • Als generell anabole Hormone fördern sie u.a. den Aufbau von Knochen, Muskeln und Fell.
  • Während der Pubertät sorgen die Geschlechtshormone dafür, dass das Tier erwachsen wird, sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht.
  • Sie fördern das Selbstbewusstsein und selbstbewusste Hunde sind im Allgemeinen umgänglicher als ängstliche Hunde.
  • Sie sind Gegenspieler des Stresshormons Cortisol und fördern so nach einer „Aufregung“ die rasche Rückkehr in den Ruhezustand. Dies ist nicht nur wichtig für ein ausgeglichenes Verhalten, sondern hat auch große Auswirkung auf die körperliche Gesundheit. Permanenter Stress und damit verbundene permanent überhöhte Cortisolspiegel sind ein wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung von Herz-Kreislaufproblemen sowie Stoffwechselerkrankungen wie dem Typ 2 Diabetes (Altersdiabetes).

Dass die Kastration nicht die Universallösung für alle möglichen Probleme ist, zeigt auch eine Umfrage, die in Deutschland gemacht wurde. Nach der sind nur 19% der Halter kastrierter Hunde mit dem Ergebnis uneingeschränkt zufrieden, 47% würden die Kastration nur bei Vorliegen medizinischer Gründe oder bei der gemeinsamen Haltung von Rüde und Hündin wiederholen und 34% sind mit dem Ergebnis vollkommen unzufrieden.

Bevor Ihr euren Hund, außer aus eindeutigen Gründen kastrieren lasst, bedenkt bitte folgendes:

  • Das Ergebnis ist nicht umkehrbar und ihr müsst viele Jahre damit leben.
  • Die Kastration ersetzt nicht die Erziehung und kann verschiedene Verhaltensprobleme sogar verschärfen z.B. bei ängstlich-aggressiven Hunden.
  • Ängstliche oder ängstlich-aggressiven Hunde zu kastrieren sollte ein echtes „No Go“ sein, den diesen fehlen dann die Geschlechtshormone für Selbstbewusstsein und Stressabbau. Das kann wirklich fatal enden.
  • Frühkastration, also eine Kastration vor dem Erwachsensein und das kann bis zum dritten Lebensjahr dauern, kann deutlich negative Folgen für die körperliche und geistige Entwicklung eures Hundes haben.
  • Kastrierte Hunde haben einen bis zu 30% verringerten Energieverbrauch und verminderte Aktivität, was schnell zu Gewichtsproblemen führen kann.
  • Wenn man nur die Fortpflanzung verhindern will, genügt es auch, die Hunde zu sterilisieren, wobei lediglich die Samen- bzw. Eileiter unterbrochen werden und der Hormonhaushalt intakt bleibt. Die oftmals geäußerte Meinung, dass die Kastration der Sterilisation vorzuziehen sei, da weniger gesundheitliche Probleme zu erwarten wären, ist für uns einfach nicht nachvollziehbar. Zumindest in der Humanmedizin geht man genau vom Gegenteil aus – und schließlich sind wir alle Säugetiere.
  • Last but not least kann man zumindest bei Rüden einen „Probelauf“ mit der chemischen Kastration machen und erst danach entscheiden, ob man den finalen Schritt setzten will oder nicht. Für Hündinnen steht diese Methode noch nicht zur Verfügung, aber es wird daran gearbeitet.

Welche Verhaltensänderungen nach einer Kastration zu erwarten sind und welche nicht, bietet die folgende Tabelle:

Kastration & Krankheiten

Neben der erhofften „Lösung oder Vorbeugung von Verhaltensproblemen“, die zumeist genug nur Erziehungsmängel ersetzten sollen, wird die Kastration auch zur Vorbeugung von Krankheiten empfohlen, oft nach dem Motto, je früher desto besser. Das Problem dabei ist, dass es, anders als in der Humanmedizin, dazu entweder keine validen (aussagekräftigen) statistischen Daten gibt oder diese der interessierten Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. So finden sich zur Häufigkeit (Inzidenz) von Brustkrebs bei unkastrierten Hündinnen Zahlen zwischen 0,2 – 50%!

Vorteile: Klar scheint jedoch, dass zumindest die östrogen- bzw. Testosteron-abhängigen Krankheiten bei kastrierten Hunden wesentlich seltener vorkommen als bei unkastrierten, wie:

  • Brustkrebs, Tumore an den Eierstöcken, Vulva und Vagina, Eierstockzysten, Gebärmuttererweiterung sowie sämtliche Krankheiten die mit der Befruchtung und Geburt zusammenhängen beim Weibchen.
  • Benigne Prostatahyperplasie, diverse Erkrankungen des Hodens (Entzündungen, Krebs ..), gut- und bösartige Erkrankungen der Analdrüsen, sowie sexuell übertragbare Krankheiten beim Männchen.

Dem stehen kurz- und langfristige Nachteile gegenüber.

Die kurzzeitlichen Nachteile ergeben sich aus dem Operationsrisiko und werden beim Männchen mit bis zu 34% beim Weibchen sogar bis zu 50% angegeben. Dazu zählen vor allem Narkosezwischenfälle, Reaktionen des Körpers auf das Nahtmaterial, Blutungen und Wundheilungsstörungen.

Die Liste der Langzeit-Nachteile ist erstaunlich lang und wird offensichtlich kaum vor der Operation besprochen. Ein deutlich höheres Risiko in beiden Geschlechtern findet sich für folgende Erkrankungen: Kreuzbandruptur, Übergewicht und Zuckerkrankheit, Hüftdysplasie, Schilddrüsenentzündungen und -unterfunktion, kognitive Schwäche im Alter, Knochentumore, Prostata-Tumore beim Rüden, Fisteln und Restovarsyndrom beim Weibchen.

Gemäß §7 Tierschutzgesetz sind chirurgische Eingriffe, die nicht therapeutischen oder diagnostischen Zielen oder der fachgerechten Kennzeichnung von Tieren dienen grundsätzlich verboten, außer sie dienen der Verhütung der Fortpflanzung oder es handelt sich um Eingriffe, die für die vorgesehene Nutzung des Tieres, zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerlässlich sind. Kastration (Gonadektomie) als Verhaltenskorrektur ist somit rechtlich nicht gedeckt und für die Verhinderung der Fortpflanzung gibt es gelindere Mittel, die Durchtrennung der Samenleiter (Vasektomie) bzw. der Eileiter (Salpingektomie). Es wäre schön, wenn sich das auch bei den Tierärzten durchsprechen würde.

Quellen:
S. Strodtbeck/U. Gansloser 2016 Kastration und Verhalten beim Hund, Müller Rüschlikon Verlag
B.S. Sontas 2020; Kastrieren oder nicht kastrieren, das ist hier die Frage. Unsere Hunde, April & Mai 2020

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